Der schöpferische Ausdruck
Schon immer war es für mich essenziell, das Leben künstlerisch und schöpferisch zu übersetzen, auszudrücken und zu verstehen.
Durch den Tanz habe ich ein körperliches Verständnis von Ausdruck entwickelt. Innere Wahrnehmungen, unsichtbare Felder und feine Stimmungen fanden schon früh ihren Weg in meine bildnerische Gestaltung. Auch das poetische Schreiben öffnete eigene Räume in mir — stille, innere Landschaften, die lange nur für mich selbst bestimmt waren.
Nun bin ich dabei, diese Werke zu sichten, zu ordnen und in kleine Buchgestaltungen zu verwandeln. So entsteht eine Form, durch die ich andere Menschen an diesen inneren und äußeren Landschaften teilhaben lassen kann.
In naher Zukunft werde ich außerdem Seminare anbieten, in denen wir gemeinsam tief in Landschaften, Orte und Natur-Räume eintauchen. Aus der Begegnung mit diesen Orten entwickeln wir künstlerischen Ausdruck — durch Naturkunst, Schreiben, Malen, Drucken und andere schöpferische Prozesse.
Es geht darum Orte, Natur, tiefer wahrzunehmen, zu lauschen, sich berühren zu lassen — und das Erlebte in eine eigene künstlerische Sprache zu übersetzen.
Der Raum aus Stein
Der sakrale Raum der singenden Steine. Aus dem hellen Sonnenlicht tauche ich in den dunklen heiligen Raum des Zisterzienserkloster Thoronet ein. Uralte Steinsäulen und Gewölbe umfangen mich und öffnen in Sekundenschnelle meine inneren Räume. Dieser leere Raum aus Stein mit nichts gefüllt als liebender Essenz. Die uralten Glasfenster lassen das Licht in exakten Bahnen auf den alten Steinboden leuchten. Wieviel abertausende Füße von Menschen haben diesen alten leuchtenden Boden schon berührt. Erdenschwere wird durchdrungen von Lichtkraft. Ich setzte mich auf eine alte Holzbank und bleibe für Stunden so sitzen. Es gibt nichts zu tun, mein Denken ist ausgeschaltet, mein Fühlen wird geordnet, mein Körper wird langsam zum Körper aus sakralem Stein. Mich überkommt eine unglaubliche Schwere. Ich werde immer mehr zu Stein, der singt. Körper und Stein schwingen sich aufeinander ein und fangen an eine gemeinsame Sprache zu sprechen. Eine Sprache, die fern ist von Menschensprache. Eine Sprache die dem Universellem gleicht. In mir beginnt die Gleichzeitigkeit des Lebens. Menschsein und Nicht Menschsein. All meine inneren menschlichen Regungen werden stark, spürbar, erlebbar, sichtbar. Gleichzeitig webt sich ein Netz aus goldenen Fäden um mich herum. Ich spüre die Anwesenheit der Tiere und Pflanzen, der dunkelroten Provence Erde und den Winden dieser Landschaft. Alles spricht, flüstert und raunt. Ein Konzert der stillen Sprache.
Die Zeit zieht weiter, das Licht verändert den Raum und in Zeitlupe sehe ich meinen Lebensplan im inneren Erleben vor mir abspulen. Alles wird klar und nichts braucht eine Frage. Der steinerne Raum hält diesen Lebensplan sanft im Zwielicht. Ich kann ihn sehen und doch nicht wirklich fassen in meinem begrenzten Menschsein. Doch etwas scheint im suchenden und ringenden Alltag eine neue Würde zu bekommen. Eine Würde, die meine Wirbelsäule berührt und mich aufrecht stehen lässt.
Die Sonne ist schon am Sinken, als ich in das Außen trete. Ganz benommen noch vom Raum aus Stein. Doch gefestigt und durchlässig entlässt er mich in mein Leben.
Ch. Lange, Provence Mai 2024